Dickenreishausen, Burgstall und Schwedenschanze
Fortsetzung des historischen Berichts aus den Memminger Geschichtsblättern Ausgabe August 1912 Nr.1/S.3 "Die Befestigungen im Dickenreis"
Anfang des Berichts siehe unter Dickenreis, Römischer Burgus
Anderer Art ist offenbar die weiter westlich gelegene sog. Schwedenschanze über der jetzigen Bahnlinie und nördlich der an der Dickenreishausener Straße befindlichen Kiesgrube. Sie hat trapezähnlichen Grundriß und besitzt im Innern eine kleinere und eine ziemlich umfangreiche Vertiefung. Im Westen fällt sie steil gegen das Buxachtal ab, im Norden und Süden dagegen ist sie durch einen tiefen Graben, dessen Aushebung zur Erhöhung der Umrandung benützt wurde, von dem vorliegenden Gelände scharf geschieden. Der nördliche Graben zeigt noch eine schwache Umbiegung um die NO-Ecke; gleichwohl könnte man zweifelhaft sein, ob der Graben auch im Osten vorhanden war, da wo jetzt eine junge Baumpflanzung angelegt ist, wenn nicht Groß (1882) erzählte, daß er hier "erst in den letzten Jahren von den Bauern mit dem Abraum der nahen Kiesgrube ausgefüllt worden ist und daß durch unsere (d. i. des Altertumsvereins) Verwendung dem weiteren Einschütten Einhalt getan worden sei." So für sich betrachtet macht die Verschanzung den Eindruck einer mittelalterlichen Burgstelle. Ihre Beurteilung wird aber dadurch besonders erschwert, daß im Süden und auf der Ostseite zur Hälfte sich gleichlaufend in einiger Entfernung ein gut kenntlicher Wall herumzieht, der auf der einen Seite (im Süden) einen Eingang hat und auf der anderen in der Richtung gegen den südlichen Grabenrand umbiegt. Im Gegensatz zu der östlichen Schanze findet sich in dieser keine Spur von Mauerwerk, Mörtel und dergleichen. Dagegen ziehen sich im Osten bis unmittelbar an den Wall, ja ziemlich deutlich sogar in die Vorschanze hinein breite Stränge von Hochäckern.*) In nächster Nähe soll vor Zeiten einmal beim Ausgraben von Stöcken ein "Säbel" gefunden worden sein, desgleichen kleine Hufeisen. Daß wir es hier mit einem mittelalterlichen Burgstall zu tun haben, das wird auch durch eine Urkunde des Stiftungsarchivs vom 25. Mai 1444 wahrscheinlich.In dieser gibt Heinrich Stüdlin der Ältere, Bürger zu Memmingen, dem Hansen Scherrich und Benzen Hut, Pfleger, und Hansen Müling, Hofmeister der Spitaldürftigen zu Memmingen, tauschweise die Tratt (d. i. das Betretungs- oder Weiderecht) in seinem Holze, das man nennt "Gutmannsbühel" hinter der Burger Holz gelegen, stoßt einerhalb an Mettelins Weiher und Holz, anderhalb an des Spitals Geren (d. i. Spitzacker), ferner seine zwei Beinden zu Dickrißhusen bei dem Eschtürlin die Englers Beind daselbst und seine Rechte, die er an 4 Jauchert Feld zu haben meint, die auf Hitzenhofer Weg stoßen und die er ausgereutet hat, - gegen des Burgstall zu Dickrißhusen mit dem Vorhofe und dem Hause davor, das Rummelin inne gehabt hat. Die drangegebenen Besitzungen sind fast alle an der äußersten Südgrenze des Stadtbezirks: der Möttelinsweiher ist der - jetzt ausgelassene und zu Wiesgrund gemachte - sog. Salbhanser Weiher, das Burgerholz der Stadtwald un der Gutmannsbühel die Anhöhe südl. des Bächleins, das Stadtwald (am Otterschlag) und Königsrain scheidet. Alles das gegen einen Burgstall bei Dickenreishausen. In weiter Umgebung ist aber sonst keine Spur eines solchen als im Dickenreis an der Schwedenschanze.
Der Wortlaut dieser Urkunde zwingt allerdings nicht unbedingt den Burgstall gerade hieher zu setzen; denn fürs erste heißt es "Burgstall zu Dickrißhusen". Das könnte zunächst nahe legen an einen solchen im Dorfe selbst zu denken. Allein dort ist bis jetzt nirgens auch nur eine Spur eines solchen bekannt. Das "Haus davor" - was ist das? Davon ist bei dem Burgstall auch nicht das kleinste Anzeichen zu sehen. Und der "Vorhof"? Sollte das etwa gar auf die Vorschanze weisen? Nicht ganz ausgeschlosssen, wenn auch nicht wahrscheinlich ist, daß die alte "Hetzlinsburg" gemeint wäre. 1364 nämlich verkauft ein Memminger, Ruf der jung Godel genannt, dem neuen Spital zu Memmingen seine 2 Güter zu Dickershusen samt dem Holz, das man nennt Hetzenburg, dem Wiesmad und Holz, das man nennt Gailenwank, die Wiesmader das Trauf, der Winkel und der Schüttlok, die vom Ritter Heinrich von Isenburg zu Lehen herrühren (Urkunde im Stift-Archiv.36,2). Auch 1448 und 1472 erscheint wieder "das Holz in der Hetzlenburg", das damals noch dem Spital gehörte (vgl. Unold S. 113 und Leonh. 255). Auf dem Flurplan des Museums von 1680 sind nun drei Weiher südlich des Königsrains eingezeichnet: der eine ist der "Schärtelinsweiher" in der Vertiefung westl. der Schärtelinsluck; dessen Weiherdamm ist noch sichtbar in der Mulde am Fußweg nach Kronburg. Unterhalb desselben ist der "obere" und noch weiter abwärts der "untere" eingetragen, beide jetzt Waldwiesen und als Schlappers- und Salbhanserweiher nach den Höfen zweier Einödbauern benannt. Die letzteren führen auf dem Plan den gemeinsamen Namen "Hetzlinsburger Weiher" und der westl. vorspringende Rücken des Königsrains zwischen diesen und dem Bächlein, das die südliche Stadtflurgrenze bildet, heiß die Hetzlinsburg. Möglich, daß hier einmal eine "Burg" gestanden; zu entdecken war vorläufig nichts mehr davon. Der Westrand des südl.der Weiher gelegenen Brentenbergs an der Buxach hieß "das Trauf" d. i. Ort, wo die Bäume tropfen, also Waldsaum; die Flur Geilenwang ist weiter südlich am östl.Saum des Hurrenwaldes beim sog. Kaspar-Gehau. Wo der Winkel und Schüttlok waren, ist nicht mehr zu bestimmen.
Doch ist eine Bezugnahme der Urkunde auf die immerhin 1km in Luftlinie von der Hausener Kirche entfernte Hetzlinsburg, die sicher im 15.jahrhundert ebenfalls schon verschwunden war, noch weniger wahrscheinlich als auf die nur 470m entfernte "Schwedenschanze". Solange wir also keine Anhaltspunkte haben, daß im Dorf Dickenreishausen selbst ein Burgstall war, müssen wir wohl annehmen, daß unsere Schanze gemeint ist, die man wohl als "zu Dickenreishausen" gelegen bezeichnen konnte. Dazu kommt, daß 1472 ein Klaus Attenhausen das Bad Dickenreis kaufte "nebst Aeckern und Burgstall", was wieder vermuten läßt, daß unsere Befestigungsanlage samt den dabei befindlichen, damals vielleicht noch bebauten Hochäckern gemeint ist (vergl. auch Unold S.41)
Auffallen bleibt aber immer der südlich sich herumziehende Vorwall, der den Charakter einer flüchtig, zu vorübergehenden Zwecken aufgeworfenen Verschanzung trägt und mit der trapezförmigen Hauptbefestigung sicher nicht gleichzeitig entstanden ist. Damit würde stimmen, daß nach dem Kreisintelligenzblatt des Oberdonaukreises 1832 Anh. S.28 der Revierförster Maul in Woringen, der am 4.Juli 1831 an den Histor. Verein nach Augsburg mehrere Aufnahmen eingesendet hat, auch eine beilegte "von der in dem Memminger Bürgerwald auf dem Bergrücken bei der Dickenreishauser Mühle erscheinenden Burgstelle und den dabei aufgeworfenen Schanzen aus neuerer Zeit". Woher er diese Angabe entnommen, läßt sich leider nicht mehr feststellen, da die seinerzeit eingeschickten Mitteilungen einstweilen wenigstens in Augsburg noch nicht gefunden werden konnten. Doch gibt vielleicht folgendes einige Anhaltspunkte für die Entstehungszeit:
Unold berichtet in seiner Geschichte Memmingens im 30-jährigen Krieg S.156 f. über die Belagerung der Stadt durch die Kaiserlichen: Eine lange verschanzte Linie zog sich auf der Anhöhe, die Lindauer Straße und den Weg nach Hart durchschneidend hin bis zum Neubruch. Von da lief die Circumvallationslinie wieder weiter bis zu dem noch heutigen Tages so genannten schwedischen Schänzle, wo das Lager eines Dragonerregiments stand und von da übers Ried.
Auch auf dem Belagerungsplan ist in der Tat dort oben eine Reiterabteilung eingezeichnet. Vielleicht also hat die Benennung "Schwedenschanze" hier ausnahmsweise einmal insoferne eine gewisse Berechtigung, als die Schanze im "Schwedenkrieg" entstanden ist, wenn sie natürlich auch für die Aufnahme eines Regiments viel zu klein ist. Ferner erzählt Karrer in seiner Chronik der Stadt S.483 zum Jahre 1703 (Span.Erbfolgekrieg): "Auf kurfürstlichen Befehl mußte der Wald beim Neubruch abgehauen und beim Dickenreis Schanzen angelegt werden; man befürchtete eine abermalige Belagerung." Die Bezeichnung "Wald beim Neubruch" kann sich nur auf den Teil des Dickenreises selbst oder auf das westl. davon gelegene sog. Raupengehau beziehen, da der Neubruch selbst von den Bürgern der Stadt schon seit 1562 gänzlich gerodet, umgebrochen und zu Ackerland gemacht worden war.
Trotz alledem besteht aber immer noch einige Unsicherheit über die Herkunft der Schwedenschanze, die wiederum höchstens beseitigt werden kann durch eine Grabung, zu der die Stadt als Grundeigentümerin die Erlaubnis wohl kaum verweigern dürfte. M.
*) Daß diese nicht mehr die Bedeutung haben, die man ihnen für die älteste Besiedelung unserer Gegend zuschrieb, steht jetzt ziemlich sicher fest. Die Hochäcker dort erstrecken sich übrigens nicht nur vom nördlichen Waldrand bis zur Straße nach Dickenreishausen, sondern noch ein gutes Stück südlich über diese hinaus.

Links ist die Schwedenschanze erkennbar, rechts im Hintergrund der Burghügel

Der Standpunkt ist die Schwedenschanze, vorn der Burghügel, links der südliche Graben der Burg

Gedenkstein auf dem Burghügel

Blick vom Burghügel nach Norden

Blick vom Burghügel zur Schwedenschanze, ganz rechts ist der südliche Burggraben zu erkennen.

Der nördliche Burggraben, rechts der Burghügel

Der südliche Burggraben, links der Burghügel