Das Woringer Burgösch
von Dr. Robert Stepp
1323 gab Herzog Leopold von Österreich dem Ritter Konrad von Rotenstein das Burgstall Woringen und dazu noch 3 Mark bar als Burglehn unter der Bedingung hin, daß dieser in Woringen zwei Burgen erbaue, von denen eine jedoch den Herzogen von Österreich gehören und nur so lange im Pfandbesitze der Rotenstein bleiben solle, bis ihnen von jenen 520 Mark Silber und die Baukosten ersetzt werden würden. In den Urkunden des späteren 14. Jahrhunderts wird daher tatsächlich eine obere und eine untere Burg genannt. So berichtet Baumann. Von diesen beiden Burgen sind nur noch geringe Reste vorhanden, die es nicht gestatten, ihre ursprüngliche Gestalt wiederzuerkennen. Die untere, das Schlößle oder Vogelhaus genannt, weist in seiner heutigen, selbst wieder stark umgestalteten Form allenfalls noch auf das 17. Jahrhundert zurück. Die obere Burg benutzt eine Stelle, die schon von sich aus zur Aufnahme einer Wehranlage wie geschaffen erscheint. Von der mächtigen Deckenschotterplatte wird durch ein Seitentälchen ein langer schmaler Sporn abgetreten, der nach NO und W mit hohen Nagelfluhwänden abbricht und gerade in der Höhe der Dorfmitte Woringens endet. Die schwache Seite im Süden kann durch Abschnittsgräben verhältnismäßig leicht gesichert werden. Dieser Bergsporn wird von zwei verschieden alten Anlagen eingenommen, die sich nur teilweise räumlich überdecken. Das vordere (nördliche) Ende des Bergsporns trug die mittelalterliche Burg von 1323. Dieses führt heute den Namen Kellerberg von dem in die Nagelfluh getriebenen Bierkeller der früheren Brauerei in Woringen. Die ältere Anlage aber erstreckt sich fast über einen halben km weit nach Süden auf den Deckenschotter hinauf und ist durch drei (richtig: vier) verschieden hohe, den Sporn querende Erdwälle bestimmt. Dies ist das sogenannte Burgösch.
Trotz der leichten Zugänglichkeit hat die Woringer Anlage nicht das Interesse gefunden wie die bei Ittelsburg. Vor allem der südlichste Wall des Burgöschs scheint der Aufmerksamkeit der Historiker und der Geodäten entgangen zu sein und ist deshalb auf der topographischen Karte 1:25000 nicht enthalten. Die Neuaufnahme einer Planskizze war aus diesem Grunde gerechtfertigt und wurde Ende September 1948 vom Heimatdienst Memmingen ausgeführt.
Wie schon erwähnt, ist der Kellerberg die Stelle der mittelalterlichen Burg. Gebäudereste fehlen fast ganz. Erst vor wenigen Jahren wurde bei Grabungen zu Luftschutzzwecken ein geringer Mauerrest aufgedeckt, bestehend in einem Stück Grundmauer aus Nagelfluhquadern mit stark verwitterten Mörtelresten, im Ausmaß von ca. 2:1 m, wobei der längere Flügel parallel der Grabung etwa in NS-Richtung, der kürzere im rechten Winkel dazu nach Osten verläuft. Weitere Baureste sind bisher nicht aufgefunden worden, doch sollen nach einer Nachricht von Miedel (Schwäb.Erzähler Nr.29, 1912) noch 1832 Mauerreste zu sehen gewesen sein. Aber der Bergkegel trägt noch andere Spuren baulicher Tätigkeit. Die Burg hat offenbar nicht nur die recht kleine Fläche der höchsten Erhebung eingenommen, sondern auch Teile des N- und O-Abhanges. Dort findet man in zwei oder drei Stufen auffallend breite, ebene Rampen um den Burghügel herum verlaufend, so, daß darauf wohl mehrere Gebäude Platz gefunden haben. Ob solche tatsächlich bestanden, wissen wir nicht.
Den Kellerberg um mehrere Meter überhöhend, beginnt nun südlich des Burggrabens das eingentliche Burgösch. Hier wurde eine vielleicht von Natur aus schon vorhandene Einsattelung durch den Graben vollends zur Trennungslinie gemacht. Die Oberfläche des Burgöschs ist in der OW-Richtung fast eben, steigt aber nach S leicht an. Wir folgen nun dem Fußweg von der Kante des Burgöschs nach S und überqueren nach etwa 40m einen flachen, 1-1,5m tiefen Graben und nach weiteren 10m einen 2-3m hohen Erdwall, hinter dem ein zweiter, steilerer und schärfer profilierter Graben liegt, der 2-3m tief ist. Beide Gräben und der Wall queren das Burgösch in seiner ganzen Breite. Erster Wall und zweiter Graben machen einen wohlerhaltenen Eindruck, haben steile Böschungen, Krone des Walles und Sohle des Grabens sind schmal. Der erste Graben jedoch ist flach und auf der N- und S-Seite stellenweise von niedrigen Anhäufungen begleitet, in denen man wohl das Aushubmaterial dieses Grabens sehen darf. Das scharfe Profil des ersten Walles und des zweiten Grabens lassen ein nicht sehr hohes Alter vermuten und haben seinerzeit wohl Merkt darauf gebracht, hier das südliche Ende der Rotensteinschen Burg zu suchen und auf den ersten Wall den Denkstein zu setzen.
Die Entfernung zwischen erstem und zweitem Wall ist 70m, die Höhe des letzteren 1m, die Böschungsprofile sind wesentlich flacher als beim ersten Wall und zweiten Graben. Nach weiteren 220m (Luftlinie) überquert man einen dritten Wall. Er verläuft in sanftem Bogen von O nach W. Der Unterschied zwischen Grabensohle und Wallkrone ist weniger mehr als 1m.
Die ganze Anlage ähnelt der auf dem Falken. Die stark abgeflachten Formen des zweiten und dritten Walles deuten auf ein höheres Alter als die frischen Formen des ersten Walles. Trotzdem gehört auch er zur gleichen Anlage, nur ist er beim Bau der Burg erhöht, der zweite Graben vertieft worden.
So ist abschließend festzustellen, daß das Burgösch älter ist als die Burg auf dem Kellerberg und daß als rein mittelalterlich wahrscheinlich nur der erste Graben, der eine Schildmauer trug, anzusehen ist, daß aber der Wall und zweite Graben, wenn auch im Mittelalter überarbeitet, ebenso wie die beiden südlichen Wälle älter sind. Die Ähnlichkeit mit dem Falken, der durch Funde hallstattzeitlich festgelegt ist, läßt das Woringer Burgösch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ebenfalls als vorgeschichtliche Anlage erkennen.
Memminger Geschichtsblätter 13, 1950 Orthophoto Bereich 2.Wall
1.Graben und 1.Wall mit dem Gedenkstein. Blickrichtung Süden
Gedenkstein. In diesem Gedenkstein war früher die Inschrift der Rotensteiner Burg deren südliches Ende man auf diesem Wall vermutete. vgl.Text oben.
2.Keltischer Wallgraben, Blickrichtung Osten
Woringer Burgösch auf einer größeren Karte anzeigen
Auf dieser Karte sind die Wallgräben kenntlich gemacht