Schloss Frickenhausen Zur Landkarte

Der reich gewordene Patrizier von Rudolf Großmann, Spiegelschwab 2/1977
Ein "Wohlausgebautes Schloß" im schönen Frickenhausen
Vom ehrsamen und weisen Erhard Vöhlin dem Älteren - Er kaufte das Dorf für 3200 Gulden
Als der ehrsame und weise Erhard Vöhlin der Ältere, "alter Bürgermeister" zu Memmingen und Senior der Vöhlin-Handelsgesellschaft allda, am 4.Dezember 1460 von seinem Schwager Hans Rudolf zu Kempten, dessen Tochter Ursula und ihrem Mann Hans Dietherr, Bürger zu Memmingen, das Dorf Frickenhausen um 3200 Gulden erwarb, hatte er nicht nur eine nützliche Vermögensanlage im Sinn. Der sehr reich gewordene, schon alternde Patrizier hatte es kaum mehr nötig, sich mit Handel und Wandel zu beschäftigen. Auch die Stufenleiter der reichsstädtischen Hierarchie war er mühelos emporgestiegen. Im vorangegangenen Jahr 1459 hatte er schon das höchste erreichbare Amt, das des Bürgermeisters, bekleidet. Er war stolz darauf und ließ den "alten Bürgermeister" in allen Urkunden, die er hinfort siegelte, hinter seinen Namen setzen. Mit dem Dorf Frickenhausen im Günztal hatte er zum erstenmal umfangreicheren Grundbesitz erworben und das von vorneherein in der festen Absicht, sich hier eine kleine Grundherrschaft einzurichten und mit der Zeit vom ehrbaren Kaufmannsstand in den Stand der Landedelleute überzuwechseln.
Besitz unablässig vergrößert
In den folgenden Jahren vergrößerte er seinen Besitz unablässig. 1465 mußte ihm Ber von Rechberg den damaligen Weiler Arlesried und den Weiler Dankelsried um 800 Gulden verkaufen, um sein hohes Schuldenkonto bei den Vöhlin zu verringern. Erhard Vöhlin bemühte sich in jeder Weise, seine kleine Herrschaft zu fördern und abzurunden. So hat er beispielsweise das von dem Rechberger erkaufte Arlesried alsbald mit einer Kirche samt Widdumsgut und Pfarrhaus ausgestattet. In Frickenhausen aber erbaute er, wohl an Stelle eines Hauses des Vorbesitzers Hans Dietherr, das ausdrücklich im Kaufbrief genannt wurde, ein kleines Schlößle mit zwei diagonal versetzten Türmen, die mit Schießscharten versehen, das im Erdgeschoß fensterlose, feste Satteldachhaus wenigstens gegen marodierendes Gesindel verteidigungsfähig machten.
Hochgerichtsbarkeit für Frickenhausen
Wie oft Erhard Vöhlin und seine Frau Elsbeth Lauginger ihren Herrensitz bewohnt haben, weiß niemand zu sagen. Sicher ist, daß auch die Witwe Erhard Vöhlins sich nach seinem Tode (1484) noch sehr um die Herrschaft Frickenhausen gekümmert hat. Der gleichnamige Enkel Erhard Vöhlins, Erhard Vöhlin der Jüngere, erhielt von Kaiser Maximilian I. anno 1517 für seine Herrschaft Frickenhausen sogar noch die Hochgerichtsbarkeit verliehen. Kurz darauf, 1520 bot er die Herrschaft seiner Vaterstadt Memmingen zum Kauf an. Nach längerem Zögern - denn dem Rat fiel es nicht leicht, die 12 000 Gulden des Kaufpreises aufzubringen - entschloß sich die Stadt schließlich zum Kauf. Im Kaufvertrag wird das Schlößle zum erstenmal erwähnt: "Fürnemblich ein Burgstall, darauf ein wolerbauen Schloß oder Behausung und ein Baind (Zaun) gerings darumb, darinn sind zwuo Fischgruben und ein Pfisterhaus (Backhaus) dabei."
Der Rat der Stadt Memmingen ernannte nach dem Übergang der Herrschaft an die Stadt die Ratsherren Eberhard Zangmeister und Bernhard Strigel zu den Pflegern der Herrschaft Frickenhausen. Wir können annehmen, daß der Hofmaler Kaiser Maximilians I., Bernhard Strigel - von seinem Mitpfleger und Freund ist es sogar aktenkundig geworden - einen Teil des den Ratsherren jährlich gewährten Urlaubs im Vöhlinschen Schlößchen zubrachte. Ganz sicher aber war dieser große Künstler, der bedeutendste der je in den Mauern der Stadt Memmingen gelebt hat, in seiner Eigenschaft als Pfleger in diesem Schlößchen zu Gast.
Daß die Herrschaft 1547 an das Unterhospital der Stadt Memmingen kam, änderte nichts am Verwendungszweck des Bauwerks.Es diente als Amtshaus, das die meiste Zeit des Jahres leerstand und in dem man Gerichtstage abhielt (gelegentlich sperrte man einen Sünder in das Kerkerloch im nordwestlichen Turm) und die Untertanen den jährlichen Treueid schwören ließ. Nur während des 30-jährigen Krieges erhielt das Schlößle für längere Zeit einen Bewohner. 1639 wurde es auf drei Jahre an Hans Christoph Müntzer verpachtet, weil dieser "von Rotenstein weichen mußte".
Um die Mitte des 18.Jahrhunderts wurde das Schlößle durch ein Zwerchhaus auf beiden Traufseiten etwas verändert, denn damals wurde im Dachgeschoß der kleine sogenannte "Rittersaal" geschaffen. Die mit Rocaillekartuschen elegant stuckierte Decke das Raumes wurde in der Mitte mit den Wappen der Stadt Memmingen und des Unterhospitals geschmückt. In den Eckkartuschen ließen die zu dieser Zeit amtierenden Herren Spitalpfleger (Grimmel - 1971 ausgebrochen - Lupin, Schütz und Zangmeister) aus dem Memminger Patriziat ihre Wappen anbringen. Beim Ausbau des Dachgeschosses hat man auch das Dach des nordwestlichen Turmes abgetragen und eine kleine Aussichtsplattform geschaffen.
1789 wurde das Schlößle dem Ortspfarrer als Wohnung überlassen. Von da an diente es als Pfarrhaus und wurde Pfarrschlößle genannt, bis es vor einigen Jahren von der Unterhospitalstiftung verkauft wurde, die mit dem Erlös ein neues Pfarrhaus finanzierte.Auch heute noch umschließt eine Mauer mit einem Torbogen aus dem Jahre 1578 den kleinen Garten des Schlößchens. Man kann noch das Kerkerloch im Nordwestturm mit fester Türe und Klappe für Wasser und Brot und die Aborterker auf abgetreppten Konsolen an der Ostseite des Schlößchens bestaunen. Der oberste der Aborterker ist diskreter Weise durch einen Barockschrank getarnt und nur durch diesen zugänglich! Und solange das Schlößchen Pfarrhaus war, begleiteten einige Bildnisse längst verblichener würdiger Pfarrherren den die Treppe hinaufsteigenden Besucher. Wenn das Memminger Bürgerstift bei der Frauenkirche in einigen Monaten bezogen wird, kann man diese aus dem 17. und 18. Jahrhundert renoviert in den Gängen wiederfinden.
Das Vöhlinsche Schlößchen zu Frickenhausen hat seinen spätgotischen Charakter trotz der Veränderungen, die ihm das halbe Jahrtausend seit seiner Erbauung gebracht hat, nicht verloren. Von der Oberhalde über dem Dorf sieht man es weit unten, eingeschlossen von Obstgärten und gepflegten Bauernhäusern, aber doch vornehm über sie hinausragend, in einer fast parkähnlichen Landschaft und kann von diesem Bild voller Romantik bezaubert sein.
Text von Rudolf Großmann, erschienen im Spiegelschwab, Ausgabe 2/1977


